ICH BIN HIER

Von der Kunst, für sich selbst da zu sein

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Eigentlich eine ganz einfache Aussage: ich bin hier.

Doch bin ich das wirklich?
Bin ich hier? Jetzt, in diesem Moment?
Ganz bei mir?

Wir alle, ich eingeschlossen, verbringen viel Zeit damit, über Dinge in der Vergangenheit nachzugrübeln oder uns Sorgen um die Zukunft zu machen. Wir füllen unsere Terminkalender bis zum Bersten, packen möglichst viel in unsere Tage, versuchen uns an Multitasking und haben trotzdem das Gefühl, wir kämen nirgends hin und hätten nichts geschafft, weil sich die To-Do-Liste täglich neu bis unter den Rand füllt. Wir kümmern uns darum, wie es anderen geht und tun viel, damit unsere Mitmenschen sich wohl und unterstützt fühlen, zufrieden (mit uns) und glücklich sind, dass sie bekommen, was sie brauchen und es ihnen an nichts fehlt.

Doch tun wir all das auch für uns?

Kümmern wir uns darum, wie es uns geht? Jetzt? Hier?

Ich habe dieses Jahr eine sehr intensive Zeit erlebt, in welcher oft äussere Umstände viele gesundheitliche und emotionale Herausforderungen, unzählige nicht verhandelbare Termine und einen zeitweise schier unbezwingbaren Berg von Erledigungen mit sich brachten. Oft waren die Ängste und die Überforderung so gross, dass mein Bewusstsein eine zeitlang entschieden hat, nicht mehr alles aufbereiten und fühlen zu können. Es hat festgestellt, dass dies im Moment einfach zuviel zum Verarbeiten ist und hat sich geschützt, um relativ unberührt durch die schlimmste Zeit zu segeln, einen Schritt nach dem anderen gehen zu können, ohne ständige Panik fokussiert wichtige Entscheidungen treffen und den normalen Alltag einigermassen aufrecht erhalten zu können. Erst als das Auge des Sturms vorübergezogen und wieder etwas mehr Ruhe eingekehrt ist, hat sich dieses Bewusstsein zurückgemeldet und verlangt nun danach, gehört zu werden. Doch nun entleeren sich alle auf dem Weg eingesammelten und für die spätere Ansicht eingepackten Gefühle auf einmal. Wie eine Welle schwappt in regelmässigen Abständen das emotionale Chaos über mir zusammen.
Ich habe inzwischen gelernt, dass dies eine normale Reaktion der Psyche auf ein Trauma und/oder Dauerstress ist... erst mal wegstecken und dann später wieder hervorkramen und entwirren, wenn die Lage etwas sicherer scheint.

Diese plötzlichen Flut an aufgestauten Emotionen kann sich erneut anfühlen wie eine unüberwindbare, überfordernde Aufgabe.
" Jetzt ist doch das Gröbste vorbei", denke ich. "Ich will mich jetzt nicht diesem ganzen Chaos auseinander setzen, sondern endlich weitergehen."
Die Versuchung ist gross, mich in meine gewohnten Muster zu flüchten, um mich davon abzulenken. Den Tag bis zum Rand zu füllen, möglichst schnell möglichst viel zu tun, um zu beweisen, wie gut ich alles im Griff habe, zu zeigen, dass es mir wieder gut geht, alle möglichen Dinge für andere zu tun, für alle alles sein zu wollen.
Überall gleichzeitig zu sein... nur nicht HIER.
Denn HIER ist das Chaos, die Angst, die Überforderung, die Verletzlichkeit, die Trauer, die Wut, der Schmerz.
HIER zu sein bedeutet, all diesen Emotionen zu begegnen, sie zu erleben und zu fühlen. Eine beängstigende Aussicht, nicht?

Wie würde ich einem lieben Menschen begegnen, der gerade eine emotionale Not hat? Wie meiner Freundin, die Angst hat? Wie meinem Kind, das traurig oder verletzt ist? Ich würde mich liebevoll um sie kümmern wollen, ein mitfühlendes Gegenüber sein, so dass ihre Gefühle gehört werden und abfliessen können.

Ich lerne gerade:
Dieses fürsorgliche Gegenüber kann jeder auch für sich selber sein.

Ich kann mich entscheiden, sorgsam und warmherzig und für mich da zu sein, achtsam zuzuhören, wie es mir geht.
Ich kann mir selber versprechen:
"Ich bin hier für dich, ich kümmere mich um dich."

Um mir dabei zu helfen, auch in schwierigen Situationen für mich da zu sein, höre ich mir gerne diese besinnliche Reflexion (in Englisch) von Tara Brach an: "Learning to stay"
Es geht darum, für ein paar Momente einfach im HIER zu bleiben, mit allem das es mit sich bringt und zu signalisieren:

I’m here right now. I’m here and attending. I’m with you.

Ich bin jetzt hier. Ich bin hier für dich und ich begleite dich.

Mir hilft dieses kurze Einkehr sehr, um meinem Körper und meiner Seele zu verstehen zu geben, dass ich mich um sie kümmere.
Dass ich höre, was sie zu sagen haben, dass ich verstehe und und für sie da bin, mit ihrem ganzen Schmerz, der Angst und der Aufruhr.
Dass ich hier bin für mich und alles, das ich in diesem Moment bin.
Dass ich bleibe, mich nicht im Stich lasse und anerkenne was jetzt gerade ist.

Viele dieser Emotionen fliessen ab (manchmal mit Tränen), sobald sie einmal gehört werden und die Zuwendung und Liebe bekommen, auf die sie so lange warten mussten. An ihre Stelle tritt oft eine innere Ruhe und ein Gefühl der Sicherheit.

Ich bin nicht allein.
Ich bin hier.
Jetzt.
Für mich.

Eine Wunde ist ein Ort, über den das Licht in Dich eindringt. - Rumi

Eine Wunde ist ein Ort, über den das Licht in Dich eindringt. - Rumi

Oft hilft mir auch ein kurzes, bewusstes Innehalten mit meinem Tagebuch.
Ich frage mich: Wie geht es dir?
Gerade jetzt in diesem Moment?
Welche Gefühle möchten an die Oberfläche kommen?
Habe ich Angst, bin ich nervös, unruhig, müde, überfordert, wütend?
Fühle ich Trauer oder Schmerz? Mutlosigkeit oder eine Blockade?
Wo spüre ich diese Dinge in meinem Körper?

Nachdem ich mir ein paar Dinge notiert habe, ohne diese zu bewerten oder lösen zu wollen, frage ich ich mich:

Was brauchst du jetzt in diesem Moment?

Oft weiss das Innerste genau und ganz spontan, was ihm gut tut und ich lerne schrittweise, ihm zu vertrauen.
Vielleicht ist es ein Spaziergang an der frischen Luft, eine kleine Pause, ein bisschen Schlaf, eine Tasse Tee, ein Gespräch mit einem lieben Menschen, das Absagen eines Termins, das Ausschalten des Telefons, ein warmes Bad, eine Runde joggen, in den Wald schreien, wieder einmal Lachen, eine Umarmung.... und und und... die innere Weisheit hat viele Ideen, jede so individuell und einzigartig wie der Mensch, der nach ihnen fragt und so unterschiedlich, wie die Situation, in welcher dieser Mensch gerade steckt.
Es gibt nicht DIE Antwort auf die Frage, was uns gut tut.
Aber wir bekommen eine geschenkt, wenn wir einen Moment liebevoll für uns da sind, uns bewusst werden, wie es uns eigentlich geht und uns selbst achtsam und fürsorglich begleiten auf diesem Weg.

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Journalseite (A4) zum Ausdrucken: Wie geht es mir gerade? PDF

MANDALA - DER WEG ZUR MITTE

"Each person’s life is like a mandala – a vast, limitless circle.
We stand in the center of our own circle, and everything we see,
hear and think forms the mandala of our life."
- Pema Chodron
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Vor vielen Jahren hatte ich eine intensive Mandala-Phase. Damals waren Ausmalbücher für Erwachsene noch überhaupt nicht cool, und ich musste mir so ein Exemplar in einem speziellen Esoterik-Laden in der nächstgelegenen grösseren Stadt kaufen.
Während meine Söhne Mittagsschlaf gehalten oder gespielt haben, verbrachte ich Stunden damit, vorgezeichnete Mandalas auszumalen und zu verzieren. Ich erinnere mich noch gut an das Gefühl von Ruhe und Zentriertheit, das ich jeweils beim Colorieren empfunden habe.
Das Interesse ist irgendwann verflogen und die einzigen Mandalas, die ich noch ausgemalt habe, waren die mit Yakari oder Meerestieren, bei denen ich meinem kleinen Sohn geholfen habe, die Bilder zu vervollständigen.

Im letzten Jahr hatte ich das plötzliche  Bedürfnis, mich wieder mit diesen Kreisbildern zu beschäftigen. Ich fühlte mich oft müde und unkonzentriert, hatte das Bedürfnis mich kreativ mit Farben zu betätigen, aber nicht die Musse oder eine zündende Idee für ein neues Projekt.
Ich habe angefangen, mit Farbresten einfache Kreisformen in mein Artjournal zu malen. Schon allein dieser Akt des Farbauftragens hat mich bereits sehr erfüllt und ruhiger gemacht. Später habe ich diese Formen mit mehr Farbe, Stiften oder sogar Glitzer verziert. Strich um Strich, Punkt um Punkt... von innen nach aussen oder umgekehrt. Das Mandala wuchs und somit auch mein innerer Frieden. Das Fokussieren auf eine kleine Fläche nach der anderen verlangsamte mein Gedankenkarussell, verschaffte mir Raum und liess mich wieder durchatmen.

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Das Arbeiten mit der Kreisform vermochte das grübelnde Kreisen zu beruhigen. Beim Mandala-Malen fühlte ich mich langsam wieder wie ich selber.
Ganz. Heil. Wieder bei mir. 

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Das Mandala ist erneut ein ständiger Begleiter geworden. Wenn ich spüre, dass ich gerne etwas Gutes für mich tun möchte, beginne ich damit mir eines aufzumalen und dann langsam, ohne Hektik, Plan und Ziel aufzubauen. Es ist jedes Mal eine Überraschung, was daraus entsteht... und es ist jedes Mal genau richtig so, wie es ist. Genau das, was ich brauche.

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Um ein bisschen herum zu spielen und mir meine Mandalazeit  einfacher zu gestalten, habe ich mir ein paar Vorlagen vorgezeichnet, die ich auf einen Hintergrund übertragen kann, wenn mir danach ist. Manchmal mag ich gerne Freihand loslegen, manchmal habe ich aber auch gerne bereits eine Form mit der ich beginnen kann. Mit einer vorhandenen Vorlage und etwas Transferpapier geht das ganz einfach und der Einstieg gelingt leichter.

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So werde ich wohl noch so manches Mal auf diese kreative Art zurückgreifen, um meine innere Mitte zu finden.
Immer wieder neu.
Immer wieder so, wie es gerade nötig ist.

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"Start from where you are - not where you wish you were.
The work you're doing becomes your path."
 

AUFSTEIGENDE KRAFT

... oder VON DER KUNST, SICH FLÜGEL WACHSEN ZU LASSEN

Manchmal gibt es Bilder, Symbole oder Worte, die mir ständig im Kopf herum geistern, mich faszinieren, mir mehrmals irgendwo begegnen und mich nicht mehr loslassen. Es fühlt sich an, als würden sie sich mir absichtlich in den Weg stellen, damit ich mich mit ihnen beschäftige, obwohl ich den Grund dafür noch nicht kenne oder ich noch gar nichts Konkretes mit ihnen anfangen kann.

In den letzten Wochen bin ich immer wieder über Zitate, Songs, Gedichte oder Geschichten gestolpert, in denen es um aufsteigende Kraft, um sich erheben, neu beginnen oder "aus der Asche auferstehen" gegangen ist.

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Our greatest glory is not in never falling, but in rising every time we fall.

- Confucius
 

Gleichzeitig habe wiederholt aus meinem derzeitigen Lieblingstarot-Deck die Phönix-Karte gezogen, deshalb wollte ich mich etwas mehr mit diesem Symbol beschäftigen und bildlich in einer Artjournal-Seite verarbeiten.

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Der Phönix ist in vielen Kulturen und Mythologien ein Symbol für Transformation, Wiedergeburt und Aufstieg aus dem Dunklen ans Licht. Er steht für das Element des Feuers und dessen reinigender, erhellender und erneuernder Kraft.

Ein kraft- und hoffnungsvolles Motiv also, um zum Jahresbegin die erste Seite eines neuen Art-Journals zu füllen.

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Da so eine Kraft ja auch erst einmal klein anfängt und noch wachsen muss, habe ich in einem zweiten Bild diesen Phönix als flauschiges, süsses Küken dargestellt. Es soll mich daran erinnern, dass es Geduld, Fürsorge und Zuwendung braucht, um sich kraft- und vertrauensvoll zu entwickeln bis seine Schwingen stark genug sind, um sich strahlend auszubreiten und zu fliegen...und dass es an mir lselbst iegt, liebevoll für mein inneres Phönix-Baby zu sorgen.

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Mit schwerem Balast kann mein Phönix-Baby nicht fliegen, deshalb ist es Zeit, Altes und Schweres loszulassen, es den reinigenden Flammen zu übergeben und darauf zu vertrauen, dass es sich damit viel leichter fliegen lässt.
Ich weiss, dass ich noch oft stürzen und fallen werde, doch es gibt mir Kraft und Hoffnung zu wissen, dass ich genug inneres Feuer habe, um wieder aufzustehen und mir erneut Flügel wachsen zu lassen.

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She fell
she crashed
she broke
she cried
she crawled
she hurt
she surrendered
and then…. she rose again.
- Nausicaa Twila (Beautiful Minds Anonymous)