ATEMPAUSEN IM JANUAR

Nach dem geschäftigen Dezember, den Feierlichkeiten, Besuchen, Geschenken und dem Drängen nach Abschluss des alten Jahres, freuen wir uns auf den Januar mit seinen vielen neuen Möglichkeiten. Wie ein schneeweisses, unbeschriebenes Notizbuch liegt er vor uns und ermuntert uns erwartungsfroh zum Füllen der leeren Seiten, zu Neubeginn und Veränderung.
Vielleicht fühlen wir uns voller Tatendrang. In uns warten viele neue Ideen und Vorsätze, Projekte, die wir in Angriff nehmen wollen, Angewohnheiten, die wir ändern wollen oder Dinge, die wir endlich loslassen möchten. Wir machen Pläne und füllen einen neuen Kalender mit Terminen, Erinnerungen und Listen.  
Wir wollen endlich loslegen. Wir tragen diesen Schwung des Drängens in die ersten Januartage.
Oft kommt danach schon bald das erste Tief, das Januarloch hat seinen Schlund geöffnet und saugt alle Energie aus unserem Inneren.
Vielleicht ist das Wetter kalt und nass und ohne die bunte Beleuchtung, das Glitzern und die Magie der Vorweihnachtszeit erscheint es uns einfach nur trist und grau.
Der Alltag hat uns wieder eingeholt, der Trott geht weiter und lässt uns kaum Zeit für die neuen Visionen.
Das, was wir uns für das neue Jahr vorgenommen haben, all das, was vor uns liegt türmt sich vielleicht auf einmal zu einem Berg auf, der uns abschreckt. Es ist plötzlich alles zuviel und zu laut, unüberwindbar und beängstigend. Wir fühlen uns überwältigt und müde, leer und ausgepumpt.
Wo sollen wir nur beginnen? 
Wie sollen wir das schaffen?

Mir persönlich geht es jedes Jahr so.
Die ersten Tage nach Neujahr bin ich voller Energie und habe das Gefühl, dass jetzt alles anders wird, dass ich alles schaffen kann. Ich schreibe voller Tatendrang Pläne und Ziele auf, nur um dann kurz darauf in den ersten Napf voller lähmender Selbstzweifel und Überwältung zu treten.

Mir hilft es jeweils, den Januar zu nutzen um mir regelmässig eine Auszeit zu gönnen.
Es ist in Ordnung, nicht gleich vorwärts zu breschen, sich einen Moment zurückzuziehen und in Ruhe zu betrachten, welche Schwellen und Tore sich vor mir öffnen.
In diesen kleinen Atempausen kann ich mir Klarheit schaffen und den Raum für das vorbereiten, was wirklich kommen möchte.  Ich kann ganz in den Moment eintauchen... und in diesem Moment, muss ich gar nichts anderes tun, als einfach da zu sein.

EIN KURZER SPAZIERGANG AN DER FRISCHEN LUFT
Auch wenn der Januar kalt und feucht ist, so tut es doch gut, für ein paar Minuten achtsam einen Schritt vor den anderen zu setzen, tief einzuatmen und sich den Kopf freipusten zu lassen.
Vielleicht hat es geschneit und der Schnee knirscht unter den Füssen. Vielleicht scheint die Sonne und kitzelt an der Nasenspitze.
Was löst die karge Natur in mir aus? Gibt es trotz des schlechten Wetters etwas Schönes zu sehen? Was kann ich auf meinem Spaziergang neues entdecken, welche kleinen Details faszinieren mich? Ein glitzernder Wassertropfen, ein Eiszapfen, ein Schneehut auf einer dürren Pflanze, einen Fussabdruck, einen Vogel?
Der Kopf wird frei und formt neue Ideen, lassen mich den Druck kurzfristig vergessen, und indem ich einen Schritt vor den anderen setze wird auch klar, in welche Richtung ich als nächstes gehen will.

EIN STILLES MORGENRITUAL
Oft sitze ich noch früh einige Minuten bei Kerzenlicht am Tisch am Fenster und sehe dem heranbrechenden Tag zu. Vor mir dampft eine Tasse Tee und verbreitet ihren zarten Duft, Dampfschwaden steigen tanzend in die Luft.
Die Geräusche des Hauses und von der Strasse lasse ich an mir vorbeiziehen und ich beobachte, wie das Tageslicht immer mehr von der vor mir liegenden Aussenwelt enthüllt. Eine undefinierbare Form wird plötzlich klar erkennbar ein Kamin, ein Haus, ein Baum. Flüchtige Gedanken lasse ich vorbeischweben und konzentriere mich nur auf das Werden dieses neuen Tages mit all seinen wunderbaren Möglichkeiten.
Was will heute neu werden? 
Oftmals formen sich nach einigen Minuten konkrete und wiederkehrende Bilder und Gedanken in mir und drängen an die Oberfläche. 
Dann öffne ich das Fenster und lasse die kalte Luft hinein, atme tief durch, entlasse ganz bewusst das, was ich heute nicht brauche durch das Fenster und lade den frischen, klaren Tag zu mir in den Raum. 
Die Gedanken und Ideen, die sich bis jetzt noch gehalten haben, sind diejenigen, die wirklich wichtig sind. Diese schreibe ich mir auf und auf die lege ich heute meinen Fokus.

EINE MUSIKALISCHE AUSZEIT
Manchmal schaffe ich es nicht, mich in der Stille wirklich wohlzufühlen. Vielleicht ist zuviel Betrieb im Haus, ich bin abgelenkt, innerlich unruhig oder ich finde einfach nicht den richtigen Zugang zu der Morgenstimmung. Manchmal brauche ich auch mitten am Tag eine Auszeit, um wieder mit mir im Reinen zu sein. Dann hilft es mir, mich auf die Klänge eines Musikstücks zu konzentrieren, das mir gut gefällt, mich berührt und ein gutes Gefühl in mir auslöst. Ich mag gerne relativ minimaoistische und klare oder zarte, harmonische Musik dazu (Beispiel unten: Niels Frahm - "Some oder Beethoven Piano Concerto No.5, II. "Adagio un poco mosso"), kann aber je nach Tagesform auch etwas lauteres und energetischeres sein.
Ich suche mir einen ruhigen Ort, setze oder lege mich bequem hin und lasse die Klänge in mich hineinfliessen und durch mich hindurchtropfen. Ich lausche den einzelnen Tönen und beobachte, wo sie hineinsickern und was sie aus mir herauswaschen. Was unwichtig und belastend ist, wird hinausgespült. Die Essenz bleibt erfrischt und gereinigt zurück.
Mit neuer Energie weiss ich nun, worauf ich mich konzentrieren will, welcher Schritt als nächstes getan werden möchte.

Alle drei Auszeiten sind gut in den Alltag zu integrieren und benötigen jeweils lediglich zwischen fünf bis dreissig Minuten, je nachdem, wie sehr man sie ausdehnt.
Sie helfen mir zuverlässig und ohne grossen Aufwand für kurze Zeit den Kopf aus dem lauten Gedankenkarussel zu ziehen und wieder klarer zu sehen.
Sie schenken mir ein Fundament, Energie und neuen Fokus.
Sie lassen mich besser erkennen, was im Moment wichtig ist und worauf ich aufbauen kann.